Juni 2012 Mehr als 200 US-Dollar lassen es sich Touristen kosten, um auch nur einen kurzen Blick auf die Jarawa-Ureinwohner zu erheischen. Kilometerlang stauten sich in den vergangenen Monaten die Mietwagen von Urlaubern aus aller Welt, um in das Schutzgebiet der Jarawa auf den indischen Andamanen-Inseln zu fahren. Dabei verbieten dies strikt indische Gesetze, die den Schutz der zurückgezogen von allen anderen Menschen lebenden Ureinwohner garantieren sollen. Doch Polizisten hatten sich einen lukrativen Nebenverdienst erschlossen und Touristen gegen Zahlung eines Schmiergeldes ermöglicht, in das Schutzgebiet zu fahren. Als im britischen Fernsehen im Januar 2012 Filmaufnahmen von der „Menschensafari“ ausgestrahlt wurden, musste Indiens Regierung handeln. Ende Mai 2012 wurde eine Gesetzesnovelle beschlossen, der zufolge jeder, der zukünftig ohne Erlaubnis im Schutzgebiet fotografiert, jagt oder Alkohol verteilt, mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden soll.
Doch das vermeintlich konsequente Vorgehen der indischen Behörden erwies sich als Farce. Denn die Gesetzesnovelle war bereits im Jahr 2010 vorgelegt worden, nur hatte es bislang niemand für notwendig befunden, sie auch tatsächlich zu einem Gesetz zu machen. Auch aufgrund der bestehenden Schutzvorschriften hätte man die Touristen und die korrupten Polizisten schon zur Rechenschaft ziehen können. Doch in Indien fehlt es am politischen Willen, die nur mehr knapp 500 Ureinwohner der Andamanen wirksam zu schützen.
Von den vier kleinen indigenen Völkern Jarawa, Sentinelesen, Onge und Groß-Andamaner, stellen die Jarawa mit rund 240 Menschen die größte Gruppe. Die vier indigenen Völker sind Überbleibsel einer Jahrtausende alten Kultur, die im Indischen Ozean ihresgleichen sucht. 2010 war mit dem Tod von Boa Senior die Sprache Bo auf den Inseln untergegangen. Bo war eine von zehn Sprachen, die die Groß-Andamaner beherrschen. Heute leben nur noch 56 Angehörige dieses Volkes, das zu seinen Blütezeiten mehr als 5.000 Menschen zählte. In keinem anderen Land Asiens gehen momentan so viele Sprachen unter wie in Indien. Der Run auf Bodenschätze, der Bau von Staudämmen und Bergwerken bedroht viele der 95 Millionen Ureinwohner akut in ihrer Existenz.
Auf den 572 Andamanen-Inseln ist die Lage der indigenen Völker besonders dramatisch. Von 1901 bis 2001 sind rund drei Viertel der dort damals 2.000 Ureinwohner ausgelöscht worden. Vor allem eingeschleppte Krankheiten führten zum Tod vieler Menschen. Aufgrund ihrer Jahrzehnte langen Isolation haben die Ureinwohner gegen viele Krankheiten keine Abwehrkräfte. So sind 63 Prozent ihrer Todesfälle in den letzten 50 Jahren auf Erkrankungen der Atemwege zurückgegangen. 2001 entgingen die Jarawa bei einer Masern-Epidemie nur knapp ihrer Vernichtung.
Ungeachtet ihrer drohenden Auslöschung bleibt das Engagement der Regierung Indiens für die indigenen Völker halbherzig. Schon 2002 forderte das Oberste Gericht des Landes die Regierung in Neu Delhi auf, die durch das Schutzgebiet führende Bundesstraße zu schließen. Bis heute ist dies nicht geschehen. Das Komitee der Vereinten Nationen zur Beseitigung rassischer Diskriminierung forderte im Jahr 2007 die Umsetzung der höchstrichterlichen Entscheidung, doch bis heute ist die umstrittene Straße noch immer offen. Auch bei der jetzt verabschiedeten Gesetzesnovelle fehlt es an Regeln zur Umsetzung. Wenn den Jarawa wirksam geholfen werden soll, dann muss die Bundesstraße endlich geschlossen werden. Denn über sie dringen immer wieder Besucher in das Schutzgebiet ein und gefährden das Überleben der indigenen Völker.
Bitte appellieren Sie an den indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh, die Gesetzesnovelle nachzubessern und Vorschriften zur Umsetzung des Gesetzes zu erlassen.
